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Zeit

Zeit.

 

Seit einer Weile spüre ich bei mir ein verändertes Empfinden gegenüber dem Phänomen „Zeit“.

Manchmal wirkt sie gummiartig – mal zieht sie sich wie in Zeitlupe, dann wieder rast sie davon, als würde das Gummi plötzlich zusammenfloppen.

 

Was ist die Zeit eigentlich? Im Prinzip ist sie ein Konstrukt, an dem wir unser Zusammenleben organisieren: aufstehen, zur Arbeit gehen, Mittagspause, Feierabend, Sport, Verabredungen, Kaffeestunden.

Innerlich wehre ich mich immer mehr gegen diese terminlichen Verpflichtungen. Nicht, weil ich keine Menschen treffen möchte – weit gefehlt. Aber diese Termine, die aufgrund des Zeit-Konstrukts stetig meinen Kalender füllen, fühlen sich immer mehr wie Druck an. Selbst, wenn das Ereignis Freude macht, bleibt dieses „Muss“.

Ich liebe es inzwischen wirklich sehr, wenn ich meinen Tag zeitlich frei und selbstbestimmt einteilen kann. Ich kann dann zuhören, was nun gerade „dran“ ist, statt vorgegebenen Mustern zu folgen.

Manchmal schreibe oder korrigiere ich nachts um 23 Uhr, weil mein Geist frisch ist und ich Lust habe. So wie jetzt gerade – es ist 21:30 Uhr, ich sitze am Tablet, höre Musik und schreibe, was mich bewegt. Diese Freiheit genieße ich sehr – solange am nächsten Morgen nicht wieder Termine warten.

Aber so ist es halt und so geht es ja ganz vielen Menschen.

 

Vor Kurzem las ich im Buch Und plötzlich große Klarheit von Armin Risi. Er geht dort näher auf Kalendersysteme ein – von den Mayas bis zum heute gültigen gregorianischen Kalender.

 

Die Maya richteten ihre Zeitrechnung an Sonne, Mond und natürlichen Zyklen aus. Neben Sonnen- und Mondjahrkalendern verwendeten sie den rituellen „Tzolkin“-Kalender („Zählen der Tage“): 20 Symbole für Zeitqualitäten, kombiniert mit 13 Variationen von Tagesqualitäten.

Zufall war das nicht: Der Durchlauf von zwanzig 13-Tage-Zyklen entspricht natürlichen und planetaren Wellen. So beträgt z. B. die Dauer einer menschlichen Schwangerschaft 13 x 20 = 260 Tage, gezählt vom Tag an, wenn das befruchtete Ei sich im Uterus eingepflanzt hat – was am fünften Tag nach der Zeugung geschieht.

Zusätzlich haben die Zahlen 20 und 13 eine hohe Symbolik. Auch, wenn die 13 im westlichen Kulturkreis als Unglückszahl betrachtet wird, ist sie doch eine Schlüsselzahl: 12 Apostel + Jesus, 12 Ritter der Tafelrunde + Artus, die Zahl des lunaren Jahres usw.  Die 20 war die Grundlage ihres Zahlensystems – aufgrund überlieferten Wissens und kosmischer und irdischer Zusammenhänge („wie oben, so unten“). So haben wir z. B. 10 Finger und 10 Zehen, mit denen wir sozusagen „Äste“ und „Wurzeln“ haben und sowohl gut geerdet als auch nach oben verbunden sind.

In unserem Dezimalsystem wird hingegen nur die 10 (Finger) verwendet, was also ein eher kopflastiges System ist.

 

Ganz anders unser heutiger 12-Monats-Kalender, dessen Einteilung recht willkürlich erscheint. Die Anzahl der Jahrestage ist gleich, aber die Einteilung unserer Monate folgt nicht solch einem natürlichen Rhythmus, sondern politischen Eitelkeiten:

So haben z. B. die Monate Juli und August hintereinander 31 Tage. Der Juli wurde nach Julius Cäsar benannt und ihm zu Ehren sollte dieser Monat mit 31 Tagen „gekrönt“ werden. Später wollten Anhänger von Kaiser Augustus, dass der nach ihm benannte Monat ebenfalls 31 Tage bekommt.

Der Jahresbeginn wurde ebenfalls eher willkürlich festgelegt. Im Jahr 1583 fand die Gregorianische Kalenderreform statt. Der letzte Tag des Jahres wurde auf den Gedenktag, bzw. Todestag von Papst Silvester I. gelegt (gestorben 335). Deswegen heißt der letzte Tag des Jahres Silvester.

 

Eine große Unstimmigkeit ist die Verschiebung der Monatsnamen. Zur Zeit des frühen römischen Reiches begann das Jahr noch im März mit der Frühlingstagundnachtgleiche. Dort passten die Monate September bis Dezember noch zu ihrer Zahlenaussage.

Heute jedoch ist das verschoben:

·        Der September ist wörtlich betrachtet der 7. Monat (septem = sieben), bei uns aber der neunte Monat.

·        Der Oktober ist eigentlich der 8. Monat (octo = acht), bei uns aber der zehnte.

·        Ebenso ist der November eigentlich wörtlich der 9. Monat (novem = neun), bei uns jedoch der elfte und

·        der Dezember, der eigentlich der 10. Monat ist (decem = 10), ist bei uns die Nummer zwölf.

 

Ein System also, das weniger der Natur folgt als dem Ego römischer Herrscher. Ein Konstrukt – mit Worten, die nicht mehr zu ihrem Inhalt passen.

 

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen spüren, dass etwas mit der Zeit nicht stimmt.

Vielleicht ist es gar nicht die Zeit selbst, sondern die Art, wie wir sie messen und leben. Denn die Zeit an sich bleibt, was sie ist.

 

Es liegt an uns, ob wir sie als Last oder als lebendigen Fluss erleben. Für mich bedeutet das: immer öfter innehalten, spüren, was gerade „dran“ ist – und den Moment bewusst leben.

 

Wenn wir wieder lernen, uns an natürlichen Rhythmen zu orientieren, könnte sich unser Empfinden von Zeit ganz neu entfalten – vielleicht weniger wie ein Konstrukt, sondern wieder wie ein lebendiger Fluss.

 

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